Podiumsgespräch mit Richard Goerlich, Leiter der Kommunikation der Stadt Augsburg und persönlicher Referentdes OB

Fliegerbombe treibt Neustrukturierung voran

11. 06. 2018

Zum Glück für tausende Augsburger ließ sich eine Blindgänger-Bombe an Weihnachten 2016 entschärfen. Eines hat die bei Bauarbeiten gefundene britische Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg immerhin erreicht: Sie hat beschleunigt, dass die Kommunikationsabteilung der Augsburger Stadtverwaltung einen neuen Zuschnitt bekommen hat.

Ihr Leiter Richard Goerlich, zudem persönlicher Referent von Augsburgs OB Kurt Gribl, stand jetzt im Augsburger Presseclub dem Vize- Vorsitzenden Alfred Schmidt Rede und Antwort. Welche Anforderungen haben Medien heute an die Stadt? Wie funktioniert die Zusammenarbeit? Wie versucht man im Rathaus, den Ansprüchen von Journalisten und der Öffentlichkeit gerecht zu werden und politische Prozesse und Entscheidungen bürgernah zu kommunizieren? Diese und ähnliche Fragen suchten nach einer Antwort.

Einleitend stellte Schmidt den Gast anhand wichtiger beruflicher Stationen vor. Goerlich, 47 Jahre alt, gebürtig aus Günzburg, studierte nach dem Abitur in Ulm fürs Lehramt in Tübingen. Nach seinem Studienabbruch absolvierte er bei FM Radio Network ein Volontariat. Bei dem Sender brachte Goerlich es bis zum Redaktionsleiter und Musikchef. 1999 gründete er als Unternehmer ein Start-up, wobei er journalistische Interviews vor allem mit vielen bekannten Musikern via Internet an Radiostationen verkaufte. Nach dem Verkauf seiner Gründung investierte Goerlich in der Augsburger Ludwigstraße in Lokale und gestaltete dort als Gastronom ein bis heute erhalten gebliebenes Szeneviertel. 2008 der nächste Wechsel: Goerlich wurde erster bayerischer Popkulturbeauftragter. Es folgte ab 2012 seine Tätigkeit als Wahlkampfmanager für Augsburgs OB Kurt Gribl. In dessen zweiter Amtszeit avancierte Goerlich zunächst zum persönlichen Referenten, bevor ihm die städtische Kommunikation übertragen wurde.

Und wie funktioniert die Aufteilung der beiden Jobs? Goerlich führte aus, dass er zunächst nur als persönlicher Referent des OB arbeitete. Eine Aufgabe, die ihm entgegen komme, da er sich als guten Projektmanager und Netzwerker einschätzte. Erst später wurde ihm nach einer Personalrochade auch die städtische Kommunikation übertragen. Vieles sei zwischen den beiden Funktionen kaum zu trennen, laufe Hand in Hand. Als eine wichtige Aufgabe bezeichnete es Goerlich, die Ideen und Impulse des OB in die Fachabteilungen zu bekommen.

Das mit dem Seitenwechsel des Journalisten in Sachen Kommunikation quasi vom Fragenden zum Befragten sei für ihn seit einer beruflichen Station bei Universal in Berlin nichts Neues mehr. Goerlich bekundete, dass er Situationen in Interviews mit dem OB gut einschätzen könne, dass er glaube, die Vorhaben der Journalisten gut erkennen zu können. Am Ende sei ein gutes Ergebnis das Ziel.

Die Funktion des persönlichen Referenten sei laut Goerlich stark davon abhängig, wessen Referent man sei. OB Kurt Gribl bezeichneter er als jemanden, der sehr schnell denkt und sehr schnell komplexe Vorgänge erfasst. „Es war in den ersten Monaten sehr schwer für mich, ich saß mit am Tisch und dachte: Hoffentlich schnappe ich das alles“.

Da er nicht aus der Verwaltung komme, berge dieser Bereich für ihn Neuland, freilich stoße man in einer Verwaltung mit über 6000 Leuten immer wieder auch auf juristisch komplexe Sachverhalte. Deswegen Goerlichs (scherzhafte?) Antwort auf die Frage, ob er denn in der Stadtverwaltung akzeptiert werde: „Nein.“ Die Verwaltung in Deutschland sei über 200 Jahre alt, Beamtentum und Verwaltung hätten sehr verwurzelte Strukturen. Es falle ihm aber in seinem zweiten Anlauf in der Stadtverwaltung leichter, damit umzugehen als noch vor Jahren als Sachbearbeiter für Popkultur. Das Spannungsfeld „Veränderungsbereitschaft versus Beharrungskräfte“ in Verwaltung und Beamtentum habe durchaus etwas für sich. Es gebe verschiedene Meinungen, die ernst zu nehmen seien. Auf der einen von zwei tektonischen Platten, so habe es der OB einmal beschrieben, säße Goerlich, schiebe und wolle Veränderung, auf der anderen Seite erinnere die Verwaltung an die Rahmenbedingungen. Goerlichs Fazit: „Ich kann gut mit alten Verwaltungshasen, weil ich deren und sie meine Ansatzpunkte verstehen.“

Eine Neuorganisation der Kommunikation bei der Stadt habe sich bereits seit Längerem angebahnt, sei nach den Erfahrungen der Weihnachtsbombe beschleunigt worden. Wo es früher „nur“ Zeitung und Radio gab, finde man heute zudem Blogs, soziale Kanäle in den Weiten des Internets. All deren Anforderungen gerecht zu werden, habe eine Neuorganisation unter einem Dach erforderlich gemacht. Zudem sieht Goerlich die Arbeit der Kommunikationsabteilung unter der Prämisse des Dienstleistungsgedankens für die Medien und die Bürger sowie unter Effizienzgedanken. Was nicht mehr gehe, sei, dass Anfragen in die Verwaltung eingespielt würden an einzelnen Journalisten bekannte Ansprechpartner mit dem Resultat von paralleler Arbeit in den Abteilungen der Verwaltung und in der Pressestelle. Deswegen habe er quasi die „CC-Funktion“ für die Pressestelle eingeführt, damit man im Blick habe, welche Anfrage wo laufe und wie der Stand sei. „Es geht nicht um Kontrolle, Sprachregelungen, Maulkörbe“, so Goerlich, freilich könnten städtische Referenten mit Journalisten den Umgang wählen, der ihnen geeignet erscheine.

In diesem Jahr seien bislang knapp 700 Anfragen von Medienschaffenden zu bearbeiten gewesen, zusätzlich zur Eigenkommunikation der Stadtverwaltung. Goerlich verteidigte die Strategie der Kommunikationsabteilung, vermehrt Informationen über Facebook und andere (städtische) Kanäle nach außen zu gegeben. Und: „Wir bemühen uns extrem, dass die Medien alle Informationen haben, bevor wir sie selber spielen.“ Die Stadt mache nicht mehr nur Medieninformation, sondern auch Bürgerinformation. Über die sozialen Kanäle erreiche man schneller jene Bürger, die keine klassischen Medien mehr nutzen. Immerhin habe die Stadt eine rechtliche Verpflichtung zur Bürgerinformation. Beispiel Fliegerbombe: Es habe ein positives Erlebnis mit sozialen Medien gegeben, der Tweed zur Entschärfung der Bombe hatte eine Reichweite von einer Million Nutzern. Da habe man exemplarisch gelernt, dass es die Mischung mache, klassische Medien plus alle Kanäle zu bespielen. „Man konnte die Angelegenheit aber auch vor allem deswegen gut kommunizieren, weil sie im Führungsstab gut gemacht war.“

Deutlich machte Goerlich, dass es seiner Abteilung auch darum gehe, dass die Stadt nach außen ein gutes Bild abgibt. Deswegen fange er auch schon mal Themen auf halber Strecke ein und schaue, dass die Dinge besser laufen. Er nahm Kritik an, dass es kürzlich bei der Kommunikation von Baumfällungen am städtischen Herrenbach nicht optimal gelaufen sei. Relativ kurzfristig wurden Anwohner und Augsburger Bürger von einem Verwaltungsbeschluss in Kenntnis gesetzt, dass 96 größere Bäume, die auf dem Damm des Kanals stehen, gefällt werden müssen. Es besteht die Gefahr, dass sie, wenn ein Sturm sie umbläst, mit ihrem Wurzelwerk den Damm des Kanals aufreißen und anliegende Wohngebiete unter Wasser gesetzt werden. Trotz aller Bemühungen der Kommunikationsabteilung fühlten sich viele Bürger überrascht und überrumpelt.

Einen außerordentlichen Konflikt zwischen seinen Funktionen als persönlicher Referent des (CSU-)Oberbürgermeisters und der als Pressesprecher für die ganze Stadt (auch mit SPD-Bürgermeister und Grünen-Stadträten) sieht er nicht. Im Wahlkampf möge es schwieriger werden, „aber nicht nur für mich, sondern auch für die Referenten.“

Ob er denn angesichts seines bewegten Berufslebens bereits die nächste Station im Blick habe? „Meine jetzige Aufgabe ist extrem spannend, es ist noch sehr viel zu machen, es gibt kaum einen spannenderen Arbeitsplatz“, so Goerlich. Er plane wie immer nichts. Angesprochen auf manchmal zu hörende Gerüchte, er könne einer nächsten Stadtregierung unter OB Gribl als Referent angehören lautete die Antwort „Ich sehe mich eher nicht als den Typen für einen Fachreferenten“.

Michael Siegel

Demnächst im Presseclub

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