Der neue Chefredakteur der Augsburger Allgemeinen stellt sich im Presseclub vor

Von der Weltpolitik zur Regionalzeitung

24. 07. 2018

Am Sonntag im ARD-Presseclub, am Dienstag im Augsburger Presseclub: Dr. Gregor Peter Schmitz ist ein gefragter Mann, der sich zurzeit im mehrfachen Spagat übt. In Köln war er als Amerika-Experte zugange, in Augsburg waren lokale Themen angesagt. Als Chefredakteur der Augsburger Allgemeinen (AZ) muss er täglich den Umgang mit insgesamt rund 200 Redakteure zwischen Zentral- und Lokalredaktion meistern. Und: „GPS“ muss eine der größten Regionalzeitungen Deutschlands im Print-Bereich am Laufen halten, aber auch – oder gerade - im digitalen Markt voranbringen. Alles in allem „eine Herausforderung“, wie er im Gespräch mit den Presseclub-Vorsitzenden Wolfgang Bublies und Alfred Schmidt zugibt.

Eine Herausforderung, die er selbst gesucht hat. Die Augsburger Allgemeine, die er übernommen hat,  ist eine starke Zeitung - mit rund 850.000 Lesern täglich eine der größten Deutschlands -, dazu fest verankert in der Region  und im Lokalen. Und doch gibt es seines Erachtens noch Entwicklungspotenzial - vor allem bei der digitalen Transformation. „Viele lokale Inhalte werden online noch nicht optimal aufbereitet“, nennt er als ein Beispiel. Dieses Potenzial hat ihn gereizt.

Als „Edelpraktikant“ zur AZ

Der 43-jährige Schmitz kommt von der großen „Weltbühne“. Er begann seine Karriere nach seinem Studium (Jura und Politikwissenschaften unter anderem in Cambridge und Harvard) als Leiter des Brüsseler Büros der Bertelsmann Stiftung (2005). Von 2007 bis 2013 arbeitete er für Spiegel und Spiegel Online als Amerika-Korrespondent in Washington, wo er zum Wikileaks- und NSA-Team des Magazins gehörte, und von 2013 bis 2015 als Europa-Korrespondent mit Sitz in Brüssel. Ab 2015 war er Leiter des Hauptstadtbüros sowie Chef des Ressorts Politik und Weltwirtschaft der Wirtschaftswoche. Für seine journalistische Arbeit wurde er unter anderem mit dem Arthur F. Burns-Preis und dem Henri-Nannen-Preis ausgezeichnet. 2013 veröffentlichte Schmitz sein erstes Buch „Wetten auf Europa – Gespräche mit George Soros", das zum Spiegel-Bestseller wurde. Als „Edelpraktikant“ (Schmitz) begann er am 1. Februar dieses Jahres in Augsburg, wurde bis Mitte April von seinem Vorgänger Walter Roller als Chefredakteur eingearbeitet und lernte bei seinen Besuchen in den Lokalredaktionen, dass „die Geschehnisse um den Illertisser Kirchturm den Lesern vor Ort oft wichtiger sind als die im fernen Amerika“.

Selbstverständlich gelte es, weiterhin täglich eine gute Zeitung zu machen, unterstreicht Schmitz, der sich als Vertreter des Qualitätsjournalismus sieht. Ihm ist unabhängiger Journalismus wichtig. Er ist stolz darauf, dass er noch nie einen Journalisten-Rabatt in Anspruch genommen hat und dass er nie einen Politiker duzen würde. Doch er ist kein Träumer: „Print ist zwar kein Auslaufmodell, aber ein teures Modell.“ Der Journalismus an sich ist direkter, offener und zugänglicher geworden: „Wer hat denn vor zehn Jahren die Washington Post gelesen? Heute geht das online problemlos.“ Die Zeitung an sich und die Augsburger Allgemeine im speziellen muss sich weiter entwickeln, muss noch mehr zur Marke werden. „Die Menschen wollen heute nicht mehr belehrt sondern beteiligt werden“, so sein Credo. Verstärkter Autorenjournalismus, Ausbau des digitalen Auftritts und die Umsetzung von Ideen, die zu einer noch besseren Leser-Blatt-Bindung führen, sind seine Vorstellungen  - und wohl auch die Erwartungen vonseiten der Herausgeber, wenngleich er „zum Glück hier nicht unter Druck stehe“.

Erste Duftmarken gesetzt

Der ehemalige Edelpraktikant hat seine ersten Duftmarken gesetzt. Unter anderem mit dem (werk-) täglichen Chefredakteurs-Newsletter „Sechs um 6“ wird das Zeitungs-Abo aufgewertet. Zudem wird die AZ immer mehr in anderen Medien als Quelle zitiert. Laut einer aktuellen Analyse von pressrelations verzeichnet sie im ersten Halbjahr 2018 bei der Zitierhäufigkeit mit sehr großem Abstand den stärksten Zuwachs aller deutschen regionalen Tageszeitungen. Die deutlich ansteigende Aufmerksamkeit in anderen Redaktionen führt der neue Chefredakteur unter anderem auf die Schärfung des publizistischen Profils der AZ zurück.

Vor allem im digitalen Bereich sieht Gregor Peter Schmitz bei der Augsburger Allgemeinen noch Möglichkeiten. Dazu gehören verstärkt eigene Online-Berichterstattungen auch im Lokalen, oder der Ausbau vorhandener Facebook- und Online-Portale wie „Hallo Augsburg“, um die jungen Leute abzuholen, die für ein Print-Abo kaum mehr zu gewinnen sind. Ob sich daraus ein Erfolgsmodell entwickelt wie beim Spiegel, bei dem im Vorjahr die Online-Ausgabe mehr erlöst hat als die Print-Ausgabe, kann und will er nicht vorhersagen. Daher ist er durchaus für kreative Ideen zur Finanzierung  des Augsburger Qualitätsjournalismus offen – gleich ob Stiftungsmodelle oder ein hochwertiger Wein-Shop wie bei der Süddeutschen.

Kein Stellenabbau geplant

Den bereits seit längerem kursierenden Gerüchten um eine gemeinsame Zentralredaktion von Augsburger Allgemeine, Mainpost (Würzburg) und Südkurier (Konstanz), die alle zur Mediengruppe  Pressedruck Augsburg gehören, nahm er den Wind aus den Segeln: Sie wird außer einem gelegentlichen Austausch vom Geschichten und Themen nicht kommen. Die anwesenden AZ-Redakteure werden zudem mit einem lachenden und einem weinenden Auge zur Kenntnis genommen haben, dass nach seinem Wissensstand in absehbarer Zeit kein Stellenabbau vorgesehen ist. Andererseits aber trotz zunehmender Aufgaben vor allem in den Lokalredaktionen auch keine Aufstockung …

Viel von sich persönlich hat Dr. Gregor Peter Schmitz übrigens an dem Abend nicht verraten. Die Umstellung von Berlin nach Augsburg war problemlos: „Ich bin extrem anpassungsfähig“. Für ihn ist nur wichtig, dass es ein Kino und gute Restaurants in der Nähe gibt – und die findet er bei seiner Wohnung in der Stadtmitte zuhauf.

Christian Doser

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