Behindertensportler Michael Teuber spricht über seine Projekte Radfahren, Bergsteigen und Buchschreiben

Aus eigener Kraft

20. 03. 2017

Er ist fünffacher Paralympics-Sieger, 18-facher Weltmeister im Para-Cycling (Radrennfahren), hat kürzlich den 6300-Meter hohen Vulkan Chimborazo in Ecuador bestiegen – und das alles mit einer Querschnittslähmung. Keine Frage, dass der 49-jährige Profisportler Michael Teuber viel Spannendes zu erzählen hat. Das tat er jetzt für den Augsburger Presseclub gemeinsam mit dem Journalisten Thilo Komma-Pöllath, mit dem er 2016 seine Autobiografie „Aus eigener Kraft“ geschrieben hat. Das Gespräch in der Energiewelt der Lechwerke leiteten Presseclub-Vorstandsmitglied Sandra Strüwing (candidad communications) und Sportjournalistin Andrea Bogenreuther (Augsburger Allgemeine).

Teuber nahm die Gäste des Abends eingangs mit auf jene Reise, die sein Leben verändern sollte. Am 1. August 1987 sollte es für ihn, seine heutige Ehefrau und einen Schulkameraden zu dritt im Auto zum Surfen nach Portugal gehen. Nach durchgefahrener Nacht endete die Reise mittags in einem französischen Straßengraben - Sekundenschlaf. Während der Fahrer und die junge Frau glimpflich davonkamen, erhielt Michael Teuber trotz sofortiger Versorgung in einem französischen Krankenhaus und trotz umfassender Nachsorge in der Unfallklinik in Murnau die Diagnose: „Querschnittslähmung“. Viele Ärzte prognostizieren dem damals 19-jährigen Abiturienten ein Leben im Rollstuhl. Doch mit eisernem Willen und enormer Disziplin, wie es geschrieben steht, kämpfte Teuber sich zurück in ein selbstbestimmtes Leben.

Sein Glück im Unglück: Die Querschnittslähmung durch den Bruch des 2. und 3. Lendenwirbels war inkomplett. „Ich hatte eine minimale Restfunktion im rechten Oberschenkel, sodass ich nicht aufgeben wollte, sondern bereits in der Reha sehr hart trainierte.“ Nach zwei Jahren konnte Teuber weitgehend auf den Rollstuhl verzichten und sich mit Krücken und sogenannten Gehapparaten fortbewegen. In den Oberschenkeln konnte er etwa zwei Drittel der ursprünglichen Muskeln wieder auftrainieren. „Erst“ unterhalb des Kniegelenks sei er komplett gelähmt und gefühllos.

Nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre in Weihenstephan und der Gründung einer eigenen Firma mit seinem Bruder führte ihn sein Weg ab 1997 in den Profisport. Schon bald nach dem Unfall hatte Teuber festgestellt, dass das Radfahren für ihn nicht nur ein gutes Reha-Mittel, sondern auch ein guter Sport ist. Mit mehr als Tempo 40 Durchschnittsgeschwindigkeit durch die Straße düsen, das kann Teuber heute, barfuß am Strand entlanglaufen, das geht nicht.

Hatte es vom Unfall bis zu den ersten Radrennen zehn Jahre gedauert, vergingen weitere sieben Jahre, bis Michael Teuber 2004 in Athen seine ersten beiden paralympischen Goldmedaillen gewann. Weitere Medaillen folgten bei den Spielen 2008 in Peking, 2012 in London und 2016 in Rio.

Teuber erklärte, dass er im Sport nichts dem Zufall überlässt, etwa was die Materialfrage seiner Rennräder oder die Sportmedizin anbelangt. „Im Hochleistungssport darf es keine schwarzen Löcher geben, auch nicht mehr im Behindertensport.“ Dass die Para-Sportler es geschafft haben, zeige auch der Umstand, dass dort das Thema Doping inzwischen eine ähnliche Rolle spielt wie bei nicht behinderten Leistungssportlern. „Schade“ sagt Teuber dazu, der sich aber nicht aufschwingen will, über medizinisch notwendige erlaubte oder die unerlaubten Medikamenten-Einnahmen zu urteilen. Immerhin habe das Internationale Paralympische Comitee (IPC) geschafft, eine des systematischen Dopings überführte Nation zu sperren, anders als Internationale Olympische Comitee (IOC).

Breiten Raum nahmen im Presseclub zwei neue Projekte Teubers ein: seine inklusive Bergtour auf den Vulkan Chimborazo und die Entstehungsgeschichte seiner Autobiografie „Aus eigener Kraft: Wie die größte Krise meines Lebens mich stark gemacht hat“ (Edel Verlag), die er gemeinsam mit Thilo Komma-Pöllath geschrieben hat. Der schilderte, wie er und Teuber sich 2010 bei einer Tour auf den Kilimanjaro in Afrika kennengelernt hatten und wie in ihm dabei die Überzeugung reifte, dass Michael Teubers Lebensgeschichte schon jetzt genügend Stoff für ein spannendes Buch böte. Es folgte eine anstrengende, erfolgreiche Suche nach einem interessierten Verlag. Entstanden sei ein Werk großer Vielschichtigkeit, mit viel Tiefe an Themen, ein mutiges Buch, „die Geschichte wird man nicht so schnell vergessen“, so Komma-Pöllath. Teuber bestätigte, dass die Arbeit an der Autobiografie für ihn viel Erinnerungsarbeit bedeutet habe. Auch habe er viele neue Einblicke erhalten. Seine Mutter, Ehefrau, der Bruder hätten viel geholfen. Teuber: „Ich habe mich in vielen Formulierungen sofort selbst erkannt.“

Und dann das jüngste Projekt Teubers (und Komma-Pöllaths): die Besteigung des Chimborazo, die erstmals einem querschnittsgelähmten Menschen gelang. „Der Chimborazo war ein Wunschberg“, erklärte Teuber, bei der Realisierung habe sich das Thema Inklusion, eine gemeinsame Besteigung durch Behinderte und Nichtbehinderte, angeboten. Teuber: „Man begibt sich bewusst in eine Grenzsituation, nicht nur körperlich, auch psychisch“. Das Resultat der achttägigen Tour, die für sechs der zehn Mitglieder der Seilschaft (darunter Teuber und Komma-Pöllath) mit dem Gipfelsturm ihren Höhepunkt fand, ist ein Film, der demnächst im Fernsehen zu sehen sein soll. Für Teuber hat indes die intensive Phase der Vorbereitung auf die bevorstehenden Fahrradweltmeisterschaften begonnen.

Michael Siegel