Birgit Holzer spricht über ihre Arbeit als Korrespondentin für deutsche Tageszeitungen in Paris

Stadt der Verliebten und der Todesschüsse

18. 04. 2016

Die Stadt der Verliebten, die Stadt der Mode, des Genusses, der Kunst – vielerlei Bezeichnungen trägt die französische Metropole Paris. Solche Bezeichnungen für die Stadt und die Menschen, die in ihr leben, waren es auch, die Birgit Holzer vor über sieben Jahren veranlassten, als Korrespondentin für zahlreiche deutsche Zeitungen nach Paris zu gehen. Aber dann kamen die islamistischen Attentate auf die Redaktion der Satirezeitung Charlie Hebdo am 7. Januar 2015 und die Anschläge vom 13. November mit 130 Toten - und die Arbeit für die Paris-Korrespondentin hat eine ganz andere Richtung bekommen.

Wie diese ihre Arbeit jetzt aussieht, darüber sprach Holzer im Georgensaal des Augsburger Presseclubs. Den Abend moderierte stellvertretender Presseclub-Vorsitzender Alfred Schmidt, Leiter der Lokalredaktion der Augsburger Allgemeinen, der Birgit Holzer noch aus ihrer Zeit als freie Mitarbeiterin in seiner Redaktion kannte.

Koordinierte, islamistisch motivierte Attentate an fünf verschiedenen Orten im 10. und 11. Pariser Arrondissement sowie an drei Orten in der Vorstadt Saint Denis mit 130 Getöteten und 352 Verletzten, bei denen auch sieben der Attentäter in unmittelbarem Zusammenhang mit ihren Attacken starben. Wo und wie sie die Angriffsserie gegen die Zuschauer eines Fußballspiels, gegen die Besucher eines Rockkonzerts sowie gegen die Gäste zahlreicher Bars, Cafés und Restaurants erlebt habe, wurde Holzer eingangs gefragt. Denn ihr Büro befindet sich in der Straße mit zwei Lokalen, die zu den Zielen des Terroranschlags in Paris zählten. Der Platz der Republik ist in unmittelbarer Nähe, ebenso die Konzerthalle Bataclan und die früheren Redaktionsräume von Charlie Hebdo.

Ja, bestätigte die Korrespondentin, die Vorkommnisse beeinflussten ihre Stimmung, beeinflussten den Alltag. Zwar gehe sie auch weiterhin mit Freunden und Bekannten aus, aber „es kommt sofort zurück, jeder kennt jemanden der dabei war.“ Sie selbst denke sich bei jedem Konzert: So kann es wieder sein, so wie unlängst in der Konzerthalle Bataclan. Die Unbeschwertheit sei weg, so Holzer. Sie meide zwar keine Orte, fahre aber seit den Anschlägen noch lieber mit ihrem Fahrrad durch die Stadt als mit der Metro. Jenen Abend des 13. November hatte Birgit Holzer quasi verpasst. Sie hatte pünktlich die Redaktion verlassen und war nach Hause gefahren, um einen Kuchen zu backen. Dann erreichte auch sie die schreckliche Kunde, kamen erste Forderungen aus ihren Redaktionen. Aber, so erinnert sich Holzer: „Es war Chaos, man konnte nicht mehr an die Tatorte hin, alles war abgesperrt.“ Sie sei erst am nächsten Tag an die Terrororte vorgedrungen. Aber die normalerweise belebten Viertel waren praktisch menschenleer, nur zahllose Medienschaffende seien auf der Suche nach Augenzeugen, nach Atmosphäre gewesen. Erst Tage später, als die Lage klarer überschaubar gewesen sei, habe auch sie die Anschläge kommentiert, so Holzer. Sie sei froh gewesen, dass ihre verhaltene Reaktion in den ersten Tagen von ihren Kollegen respektiert worden sei.

Den Kommentaren folgten erstmals Geschichten geschrieben in der Ich-Form. Das sei es gewesen, was in den Redaktionen in Augsburg, Leipzig, Osnabrück oder Aachen von ihr gewünscht worden sei. Also widmete auch die 34-Jährige sich den Blumengebinden an den Tatorten und den Gedichten und Abschiedsgrüßen, die dort niedergelegt worden waren.

Zu schaffen gemacht habe ihr wie vielen Kollegen in jenen November-Tagen der Umstand, dass wegen der Internet-Portale der Zeitungen ständig nach neuesten Ereignissen gefragt worden sei. „Man soll extrem schnell Informationen geben, aber keiner weiß was“, erinnert sich die Korrespondentin an die Recherche-Situation. Und dann der Umstand, dass sie für ihre Zeitungen eine Einzelkämpferin ist. Dass es in hektischen Zeiten unmöglich ist, gleichzeitig auf eine Pressekonferenz zu gehen und nach Betroffenen zu suchen. „Ich hätte gerne mehr Zeit gehabt für Geschichten über Menschen mit Beziehungen zu Opfern“, so ihr Fazit.

Ein weiteres Thema des Abends war die Frage, wie die Franzosen ihre deutschen Nachbarn wahrnehmen. Zwar, so Holzer, gelten diese oft als Spaßbremsen, sie würden aber bewundert für ihre Effizienz, dafür, dass Deutschland wirtschaftlich stärker und politisch stabiler sei. Die Globalisierung schaffe in Frankreich Angst, sei ein Angstwort. Chancen würden kaum gesehen, die Stimmung gehe eher auf nationale Souveränität. Ein Referendum in Sachen Europa könne nach ihrer Einschätzung ein Votum gegen die Mitgliedschaft ergeben, so Holzer. Viele Franzosen wollten souverän bleiben.

Die Perspektiven für junge Menschen in Frankreich seien schlecht, und sie seien noch schlechter für junge Migranten. Es herrschten Vorurteile, es gebe weniger Bildungschancen. Frankreich bestehe trotz des Bekenntnisses zur Egalite (Gleichheit) aus einer sehr ungleichen Gesellschaft. Deutschland könne aus dem schon länger anhaltenden Prozess der Integration von Migranten in Frankreich vor allem lernen, diese umfassend zu fördern.

Viel Misstrauen herrsche gegen die politische Klasse, die als sehr elitär empfunden werde. In Frankreich seien Politiker ein spezieller Zirkel, eine Welt für sich. Politiker verlieren immer mehr Bodenhaftung, es gebe Skandale ohne Ende. Präsident Hollande sei heute sehr unbeliebt, davor sei Präsident Sarkozy sehr unbeliebt gewesen. Wie viele ihrer Vorgänger auch hätten sie die sehr große Erwartungen der Menschen nicht erfüllen können. Für die im Jahr 2017 anstehende nächste Präsidentschaftswahl kann sich Birgit Holzer durchaus vorstellen, dass es zu einem Duell kommt zwischen der Chefin der rechtsextremen Front National (FN) Marine Le Pen, und dem derzeit sehr beliebten Konservativen Alain Juppe, dem derzeitigen Bürgermeister von Bordeaux. Mit dem Phänomen „Erstarken des Front National in Frankreich und einer allgemein schlechten Stimmung im Land“ ist auch das derzeit zweite große Thema in der Berichterstattung von Holzer erreicht. Wie es zu diesem Erstarken kommen kann, wie weit es führen wird, was es für Folgen hat – diese und ähnliche Fragen in Deutschland zu erklären sei eine zentrale Aufgabe.

Und dann sind da noch die anderen, die schönen Themen aus Paris und Frankreich, über die sie dann und wann auch noch schreiben darf. Von der Mode über den Wein und das Essen – und das Radfahren. Denn, so die Korrespondentin: „Ich bin überrascht über das negative Bild, das die Franzosen von ihrem Land und Paris haben. Ich habe selbst ein positives Bild von den Menschen, die sehr sensibel sind und die gerne gut leben.“

Michael Siegel

 

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