Podiumsgespräch mit dem Journalisten Richard Gutjahr über die Zukunft der Medien und des Journalismus

Sei der Erste oder sei der Beste

27. 01. 2016

„Die Zukunft der Medien und des Journalismus“ - über nichts geringeres wurde einmal mehr im Augsburger Presseclub diskutiert. Die Rolle des Sachverständigen hatte diesmal im AZ-Medienzentrum der fernsehbekannte Reporter, Blogger, Moderator und Dozent Richard Gutjahr.

Bekannt als Technik affiner und experimentierfreudiger Journalist resümierte der 42-jährige: Klassischer Journalismus, so wie er selbst und so mancher der Anwesenden ihn einst gelernt und praktiziert haben, „klassischer Journalismus - das kommt nicht mehr zurück.“ Ob er denn seine eigenen Kindern raten würde, heute noch in den Journalismus zu gehen, wurde Gutjahr von den beiden Moderatoren Sandra Strüwing (Geschäftsführerin der Agentur candid communications) und Sascha Borowski (Leiter Digitales bei der Augsburger Allgemeinen Zeitung) gefragt. Gutjahr verneinte und zeigte Verständnis für die Entscheidung seiner älteren Tochter, einen Weg in die PR einzuschlagen. Derzeit seien wir an einer Nahtstelle, alte Geschäftsmodelle funktionierten nicht mehr, die neuen noch nicht. Man stehe vor einer Durststrecke des Sortierens, Neudenkens, Analysierens, Ausprobierens. Niemand könne sicher sagen, was Zukunft habe, was haften bleibe.

Für sich selbst bekannte Gutjahr, dass im goldenen Käfig des öffentlich-rechtlichen Bayerischen Rundfunks bis zum Pensionsanspruch sitzenzubleiben nicht richtig gewesen wäre. Hier könne man zwar hinter der Mauer sitzenbleiben und warten, dass der Sturm der neuen Entwicklungen vorbeizieht,aber das öffentlich-rechtliche
System sei aus seiner Sicht eine Falle. Die Beispiele von Weltunternehmen wie Nokia, Kodak, selbst Microsoft zeigen, dass es jeden Einzelnen treffen könne. „Wir müssen ein Leben lang lernen, Stillstand ist keine Option“, so Gutjahrs Einschätzung.

Für die Verlage, die etablierten Medienunternehmen komme es darauf an, dabei zu sein, wenn die Schleusen aufgehen und jetzt die Hausaufgaben zu machen. Berufe die aktuell gesucht sind, seien beispielsweise die des Social Media Managers oder des Coders. Zusätzlich müsse man in den Medienunternehmen mit neuen Entwicklungen umzugehen lernen. So mit der „fünften Gewalt“. Jedermann als Mitwirkender ist hinzugekommen, mische sich via twitter, Facebook etc. in die Medienwelt. Zudem übernehmen Handelnde die Berichterstattung immer mehr selber, beispielsweise große Unternehmen, Prominente oder Fußballclubs. Diese sendeten immer öfter direkt an den Nutzer, kontrollierten die eigenen O-Töne, Aussagen, Informationen. Als Journalist werde man links und rechts stehen gelassen, und das nicht nur von den Agierenden, sondern zunehmend auch vom Publikum, das sich unmittelbar informieren könne.

Das müssen Journalisten tun, um eine Bedeutung beizubehalten? Gutjahrs Credo: Wir müssen uns unserer Vergangenheit erinnern: Saubere Recherche sei unabdingbar. Dazu komme die Notwendigkeit der schnellen, angemessenen Reaktion auf Anmerkungen der Nutzer. Man müsse auch bedenken, dass sich anders als früher heute nichts mehr „versendet“. Das Problem hätten die Macher des TV-Medienmagazins „Zapp“ deutlich gemacht. 70 Prozent der Menschen trauten den Medien nicht mehr, „daran sind wir selbst mit Schuld.“ Heute können die Leute selbst recherchieren, googlen, so Gutjahr „da müssen wir besser werden, gründlicher, genauer.“

Entscheidend, so der Journalist, werde am Ende auch die Frage nach gutem Nachwuchs sein. „Wir treffen uns alle wieder auf dem einen Schlachtfeld: dem Kampf um Talente.“ Am Schluss werden sich alle um die gleichen guten Leute rangeln. Und die, so Gutjahrs Einschätzung, seien nicht mehr automatisch dazu zu bewegen, bei etablierten Verlagen, Sendern, Unternehmen anzuheuern. Nein, die Besten wechselten zu Facebook, Google, Twitter & Co. Sie geben nicht mehr viel auf vermeintlich
sichere Stellen. Sie wollen vielmehr da sein, wo sich etwas Entscheidendes bewegt. „Uns klassischen Journalisten fehlt digitale Empathie“, konstatierte Gutjahr.

Gefragt wurde er auch nach seiner Meinung, ob unsere großen Verlage mit den bekannten amerikanischen Plattformen „ins Bett gehen“ und sich dabei aufgeben müssen. Gutjahr zeige die Entwicklung auf von Beiträgen unserer Verlage bei Facebook. Waren es zunächst nur Verlinkungen auf eigene Artikel, so wurden innerhalb weniger Jahre komplette Videofilme, ganze Zeitungsinhalte auf die Plattform gestellt. „Demnächst stelle ich als Journalist meine Artikel für 70 Prozent der Einnahmen direkt bei Facebook ein und brauche gar keinen Verleger mehr, laute ein Szenario.

Gegenmittel? Die Qualität könnte den richtigen Weg weisen. „Wir haben uns vor lauter Hinterherhecheln hinter Trends in der Mittelmäßigkeit verzettelt“, konstatierte Gutjahr. „Mit Top-Qualität habe ich plötzlich alle Leute auf meiner Site, mit Mittelmaß kann man nur verlieren. Wenn du der erste bist, hast du auch Erfolg. Sei er erste oder sei der Beste, alles dazwischen gibt es im Überfluss, das braucht kein Mensch mehr.“ Die Währung der Zukunft werde nicht mehr die Erhebung der Gesellschaft für Konsumforschung (gfk) sein, auch keine Media-Analyse oder die Auflagenzahlen. Aufmerksamkeit werde die relevante Größe sein, die aber derzeit noch schwer messbar sei.

Manche Aspekte wurden nach dem Podiumsgespräch in der Fragerunde mit den rund 100 Besuchern der Veranstaltung besprochen. Ob es denn nur noch auf Schnelligkeit ankomme (was der Untergang für seriösen Journalismus wäre), ob nicht auch die Deutungshoheit durch den Journalisten eine Rolle spiele? Gutjahr unterstrich, dass er neben der Schnelligkeit auch auf die Qualität als wichtiges Kriterium gepocht habe. Gutjahrs Fazit: Es wird auf den Faktor Mensch hinauslaufen. Die besten Talente, Recherchen, Inhalte werden es ausmachen, das werde immer mehr an Bedeutung gewinnen, „das wird der entscheidende letzte Meter sein.“

Noch lange wurde an diesem Abend über die Thesen zur Zukunft der Medien und des Journalismus diskutiert.

Michael Siegel