Brexit – Draghi – Nullzinspolitik: Podiumsgespräch mit Georg Fahrenschon, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes

Es geht um unser Geld

25. 07. 2016

Es geht ums Geld, es geht um unser Geld. Klar, dass angesichts derartiger Worte die Spannung groß war im voll besetzen Kaiserhofsaal der Stadtsparkasse Augsburg. Dort war der Augsburger Presseclub zu Gast, der wiederum einen Gast geladen hatte, der in diesen Saal gehörte: Georg Fahrenschon, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV), um mit ihm aktuelle Fragen der Finanzpolitik zu klären.

Der gebürtige Münchener gilt als Mann der klaren Worte. Seit 2012 ist der 48-jährige Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes. Dem Dachverband der Sparkassen-Finanzgruppe gehören über 400 Sparkassen, sieben Landesbanken-Konzerne, die DekaBank, neun Landesbausparkassen und zahlreiche weitere Finanzdienstleistungsunternehmen an. Von 2008 bis 2011 war CSU-Mann Fahrenschon bayerischer Staatsminister der Finanzen. Augsburg kennt der gelernte Ökonom seit seiner Studienzeit, die er auch in Augsburg verbracht hatte. Mit ihm auf dem Podium saß Stefan Stahl, Leiter des Ressorts Wirtschaft der Augsburger Allgemeine.

Bezug nehmend auf ein Zitat von Mario Draghi, dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB) stellte Fahrenschon vorab klar, was man von ihm nicht erwarten könne: Anlagetipps nämlich, Ratschläge, wie man in diesen schwierigen Zeiten sein Geld bequem vermehren könne. Dafür verwies Fahrenschon auf die anwesenden Bankvorstände der Stadtsparkasse Augsburg, Rolf Settelmeier, Walter Eschle und Cornelia Kollmer sowie deren Kollegen von der Kreissparkasse, Richard Fank und Horst Schönfeld. Die Sparer hätten es mit ihrer Anlage selbst in der Hand, wie hoch ihre Rendite ausfällt, wird Draghi zitiert – eine Aussage, die Fahrenschon deutlich relativierte. „Wir kommen von unten“, sagte der DSGV-Präsident mit Blick auf die Kundenstruktur der Sparkassen. 60 Prozent der Sparkassenkunden „kommen über die Runden, haben am Ende des Monats aber nichts übrig“. Weitere 14 Prozent hätten bis zu 150 Euro übrig. All jenen sei seriöserweise nicht zu einer möglicherweise rentablen, aber spekulativen Anlage in Direkt-Aktien zu raten. Hier sei Draghi zu korrigieren.

Zu fragen sei angesichts der aktuellen Zinspolitik Draghis und der EZB, wer welche Last übernehmen müsse. Niedrige Zinsen seien eine verkürzte und falsche Argumentation, erklärte Fahrenschon. Ja, Häuslebauer könnten profitieren, aber Sparer leiden darunter. Man stehe vor einem Vermögenstransfer. Die EZB praktiziere derzeit das glatte Gegenteil einer Politik für den kleinen Mann. Der massenhafte Ankauf von Staats- und Unternehmensanleihen verschiebe gleichsam das Koordinatensystem von Zins und Risiko. Zins plus Zinseszins, so habe es sehr lange gegolten, war die Belohnung für Konsumverzicht, für nachhaltiges Leben. Ein hoher Zins war ein untrüglicher Hinweis auf ein Risiko-Invest. Jetzt gebe es das nicht mehr. Die Null-Zins-Politik schaffe falsche Anreize: 3,5 Prozent Rendite, da könne doch nichts passieren, glaubt jemand, der noch Zinsen von vier Prozent auf das Sparbuch in Erinnerung hat. Dabei müsse man heute schon bei einer Anlage mit 3,5 Prozent Rendite mit einem erhöhten Ausfallrisiko rechnen, wie aktuelle Beispiele belegten. Ein privater Verbraucher müsse heute noch mehr sparen als in Zeiten höherer Zinsen. Erstens um Zinsausfälle auszugleichen und zweitens, um seine Alterssicherung zu gewährleisten. Ein Lösungsvorschlag Fahrenschons für dieses Problem: „Wir brauchen eine Revitalisierung der vermögenswirksamen Leistungen.“

In einer schwierigen Situation sieht Fahrenschon die Verantwortlichen in Stiftungen, Pensionskassen, Rentenversicherung: Sie müssen sicher anlegen, um Ansprüche zu erwirtschaften. Aber: Schon heute können zahlreiche Stiftungen nicht mehr Handeln mangels Erträgen aufgrund der niedrigen Zinsen. Fahrenschon beschreibt den Kurs der EZB mit dem Bild einer Sackgasse. Dort sei die Zentralbank am Ende angekommen. Es zeige sich am Beispiel von Portugal oder Italien, dass die Niedrigzinspolitik dort kaum etwas bewirkt, wo sie doch helfen solle. Jetzt dürfe es nicht mehr heißen „weiter so“, sondern man müsse den Rückwärtsgang einlegen und langsam zurückfahren: Das Ankaufprogramm müsse zurückgefahren werden, dann würden wohl auch die Zinsen wieder steigen. Wichtig aus Fahrenschons Sicht: Die Frage von Strukturreformen und vernünftiger Haushaltspolitik könne nicht an die Notenbank delegiert werden. Die EZB sei „tief drin“, müsse sich aus der Politik herausmanövrieren, um das Primat der Politik in den Mitgliedsstaaten zu fordern.

Ein wichtiges Thema für den DSGV-Präsidenten bereits seit seinem Studium ist das der Ordnungspolitik. Es bedürfe in Europa eines Mehr an ordnungspolitischem Element: Unternehmer sollen unternehmen - nicht der öffentliche Dienst - sie müssen aber dann auch die Verantwortung für ihre Leistungen übernehmen und nicht nach der Allgemeinheit rufen. Beispielhaft handelten die Sparkassen, die die Verantwortung für ihr Kreditgeschäft vor Ort beließen. Das Handwerk als wirtschaftliche Stütze in Deutschland werde zu 60 Prozent von den Sparkassen und zu 30 Prozent von Genossenschaftsbanken mit Krediten versorgt.

Die Sparkassen bleiben trotz EZB der Finanzier des Mittelstandes. Man habe Vorsorge getroffen, habe rechtzeitig Gelder beiseitegelegt, sei als Marktführer handlungsfähig. Freilich müssten die Sparkassen hart arbeiten, um sich ihre Marktführerposition auch in Zeiten der Nullzinspolitik zu verteidigen. Ja, man habe in den vergangenen vier Jahren dennoch gute Abschlüsse erreicht. Vor allem deswegen, weil vielen Kunden bei ihren Geldgeschäften ein menschliches Gegenüber wichtig sei. Aber „wir stellen uns mit Macht gegen einen Draghi-Effekt, setzen uns mit der Kostenstruktur auseinander, setzen uns mit der Wettbewerbsstruktur auseinander“. 6400 frei gewordene Stellen seien nicht mehr besetzt worden, hielt Stefan Stahl vor und Fahrenschon erklärte: Fluktuation werde genutzt, ebenso nutze man seinen Verbund, gestalte Prozesse neu. „Ohne Umstrukturierung und Standardisierung kämen wir nicht über die Runde.“

Dass Filialen geschlossen werden müssen, liege am Kundenverhalten, liege „an der Filiale in der Hosentasche.“ Jeder Kunde nütze heute die Sparkassen-App durchschnittlich alle zwei Tage, komme aber nur noch einmal im Jahr in die Filiale. „Wir ändern aber nicht die Einstellung zum Kunden“, so der DSGV-Präsident, „wir kennen unsere Aufgabe.“ Und das könne so weit führen wie beim Projekt „Große Emma“, das im deutschen Osten praktiziert werde und wo dieselben Geschäftsräume Montag vom Gemüsehändler, Dienstag von der Bank, Mittwoch vom Friseur... genutzt würden. „Wir maximieren nicht Gewinne, wir maximieren Nutzen.

Festhalten wolle der Verband an seinen Ausgaben für gemeinwohlorientierte Projekte. Nachdem das schon einmal 500 Millionen Euro im Jahr gewesen sind, liege man aktuell immer noch bei 470 Millionen. „Zinserträge gehen zurück, wir müssen aktiv korrigieren, sind aber der größte nichtstaatliche Förderer von Sport, Kultur...“

Im Rahmen der anschließenden Diskussion mit den zahlreichen Gästen nahm Fahrenschon dann auch Stellung zum Thema Brexit. Hier zeigte er sich durchaus nachdenklich. Europa habe keine Regeln für diese Situation, man werde intensive Verhandlung erleben.

Ähnliches im Zusammenhang mit den geplanten Handelsabkommen CETA und TTIP: Der Umgang damit sei sehr schwierig. Zwar sei sein Credo Wandel durch Handel, Handelsaktivitäten hätten enorme positive Kraft. „Aber wenn selbst Bundestagsabgeordnete nicht in Handelsvertragsdokumente einsehen können, regt sich in mir Widerspruch.“ Die Angelegenheit sei nicht gut vorbereitet und nicht in sich schlüssig.

Und schließlich: „Wir tun alles, um den privaten Sparer von Strafzinsen zu schützen.“ Aber wenn die Situation anhält, sei nichts auszuschließen: Negativzinsen werden in Deutschland kommen. Fahrenschon befürchtet, dass dadurch eine ganz neue Verunsicherung auf viele Kunden zukommen werde. Der Anleger wird sich mehr Zeit nehmen müssen, wird mehr Beratung brauchen. Höhere Renditen werden ein höheres Risiko voraussetzen.

Michael Siegel

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