Bibliotheken als Dienstleister und Problemlöser bei der Stadtentwicklung

Kleiner Aufwand, großer Nutzen

10. 03. 2016

Bibliotheken und Büchereien sind die besucherstärksten Kultur- und Bildungseinrichtungen in Deutschland. Als Kultur- und Lernorte, Wissens- und Kompetenzvermittler, aber auch als moderne Dienstleister kommt ihnen in den Städten eine Schlüsselfunktion zu. Jeder zehnte Augsburger nutzt die Neue Stadtbücherei am Ernst-Reuter-Platz seit ihrer Eröffnung im Jahr 2009, drei weiteren Bibliotheken der Stadt Augsburg ziehen mit: Die Staats- und Stadtbibliothek an der Schaezlerstraße, die Uni-Bibliothek auf dem Campus und die Bibliothek der Hochschule an der Baumgartnerstraße punkten mit attraktiven Öffnungszeiten, Veranstaltungen, modernen Medien und entsprechender Aufenthaltsqualität.

Die Bibliotheken als Problemlöser der Kommune, geht das? Wie können die Bibliotheken ihr Profil schärfen, sich vernetzen, die Wissensversorgung für die nächsten Jahre sichern? Zu diesen und ähnlichen Themen haben der Presseclub Augsburg und die Freunde der Neuen Stadtbücherei einen der kompetentesten Spezialisten für Bibliotheksentwicklung eingeladen: den ehemaligen Generaldirektor der Bayerischen Staatsbibliothek in München, Dr. Rolf Griebel, der nach einem Eingangsreferat die Veranstaltung moderierte. Seine Gesprächspartner waren Angelika Hofmockel-Orth (Leiterin Hochschul-Bibliothek), Manfred Lutzenberger (Leiter Neue Stadtbücherei), Dr. Reinhard Laube (Leiter Staats- und Stadtbibliothek) und Dr. Ulrich Hohoff (Leiter Uni-Bibliothek). Für die Freunde der Neuen Stadtbücherei war Kurt Idrizovic der Gesprächspartner.

Zunächst stellte Rolf Griebel in einem Kurzvortrag die Leistungen der mehr als 10.000 öffentlichen Bibliotheken in Deutschland dar. Diese besäßen alle zusammen rund 365 Millionen Medien, die von mehr als zehn Millionen registrierten Nutzern ausgeliehen werden. Bibliotheken geben der Gesellschaft einen Nutzungsschub, so Griebel, die meisten von ihnen befinden sich in kommunaler Trägerschaft. Der Betrieb einer Bücherei zähle zu den freiwilligen Aufgaben der Kommune bei der kulturellen Daseinsvorsorge, ebenso wie Theater, Museen, Orchester... und begründe sich auf das Grundrecht, sich aus allgemein zugänglichen Quellen zu unterrichten. Bibliotheken ermöglichten die aktive Teilnahme am politischen und kulturellen Leben und seine nicht nur Kulturinstitution, sondern auch wichtiger sozialer Ort in der Stadtgesellschaft. Eine Bibliothek sei ein nicht-kommerziell ausgerichteter Kommunikationsraum, biete hohe Aufenthaltsqualität und fungiere zunehmend als stimulierender Treffpunkt und Ort der Inspiration. Bibliotheken seien niedrigschwellige Bildungs- und Kultureinrichtung für alle Bevölkerungsschichten und die meistgenutzten Bildungseinrichtungen der Kommunen. Aber, so Griebel: Nur etwa 0,25 Prozent aller öffentlichen Haushaltsmittel entfallen auf Bibliotheken, im Rahmen der Kulturausgaben seien es etwa 15 Prozent. Festzustellen sei, dass es an einer nachhaltigen Ressourcenausstattung fehle.

Augsburg ist laut Griebel mit vier Bibliotheken ein starker Standort: Im Fall der Bibliotheken von Universität und Hochschule sei die Ausrichtung auf Nutzer aus Forschung und Lehre klar, beide öffneten sich aber auch für externe Nutzer. An alle Bürger wende sich das Angebot der Staats- und Stadtbibliothek, die bis 2012 in städtischer, seitdem in staatlicher Trägerschaft stehe. Lange hätte eine prekäre Situation mit schlechtem Raumklima und problematischer Brandschutzsituation geherrscht, die die historischen Objekte gefährdeten. Nachdem ein 2006 vorgelegtes städtisches Sanierungskonzept 2009 scheiterte, drohte die Zerschlagung. Nicht zuletzt aufgrund bürgerschaftlichen Engagements gelang die Verstaatlichung. Folge waren erhöhte Zuweisungen an die regionale Forschungsbibliothek. Nun steht ein Architektenwettbewerb bevor, weil die Bibliothek modernisiert und mittels eines Neubaus am Standort Schaezlerstraße um 5000 Quadratmeter vergrößert werden soll. 25 Millionen Euro sind im Staatshaushalt veranschlagt.

Wohin eine grundlegende Neuausrichtung (auch aufgrund bürgerschaftlichen Engagements) führen kann, zeige der Fall der Stadtbücherei am Ernst-Reuter-Platz. Die 2009 neu eröffnete Stadtbücherei überzeuge durch Offenheit und Transparenz auch schon in der Architektur, binde die Stadtgesellschaft ein, biete ein überzeugendes Konzept und eine zentrale Lage. Resultat ist eine Verdopplung der Nutzerzahlen im Vergleich mit der alten Bücherei am Gutenbergplatz.

In einem ersten Durchgang mit den Podiumsgästen ging es um das Dienstleistungsportfolio der Bibliotheken für die Stadtgesellschaft. Nach Worten von Ulrich Hohoff böten seine vier Teilbibliotheken in der Universität der Stadt dasselbe wie den studierenden und lehrenden Nutzern an. Man sei vor allem eine Weiterbildungsbibliothek, habe von Extern viele Lehrer, Juristen und Leute aus der Wirtschaft. Insgesamt addiere sich deren Zahl auf rund 5000. 1,1 Millionen Besucher nutzen jährlich die rund 2,4 Millionen Bände. Angelika Hofmockel-Orth freute sich, dass ihre vor zehn Jahren neu gebaute Bibliothek in der Hochschule mit dem Bahnhof Haunstetter Straße quasi einen eigenen Bahnanschluss habe. „Wir haben viel Technik, Wirtschaft und Gestaltung“, so die Bibliotheksleiterin, das Angebot richte sich zunächst an die 6000 Studierenden und 170 Professoren. Die Gastnutzerzahl der neuen Bibliothek habe sich verdreifacht. Rund 1500 aktive Nutzer seien registriert, darunter viele Architekten und Techniker, die zuvor schon hier studiert hätten. Ein Viertel der Nutzer komme aus der Stadt. Dank der gemeinsamen Campuscard mit der Uni bestehe eine gute Vernetzung.

Manfred Lutzenberger verzeichnete für die Stadtbücherei seit 2009 jährlich rund 460.000 Besucher mit Zweigstellen und dem Bücherbus komme man auf 530.000 Nutzer. Man erlebe enorme Zuwächse, sei die einzige öffentliche Bibliothek für alle Schichten und Altersgruppen. Entsprechend sei das Angebot mit Kinder- und Jugendbüchern ebenso wie Romanen oder einer Musikbibliothek. 80 Prozent seine Stadtnutzer, 20 Prozent kämen von Außen. Nicht weniger als 42 Prozent der Nutzer seien im Alter von unter 18. Entsprechend sei die Hauptaufgabe für sein Haus, Kinder und Jugendliche „einzufangen“ und schon in Kitas und Kindergärten für die Stadtbücherei zu werben.

Laut Reinhard Laube sei es für die Staats- und Stadtbibliothek angezeigt, zu werben für die Besonderheiten des Hauses. Diese sei darzustellen als öffentliche Bibliothek und es gelte aufmerksam zu machen, was die Bibliothek beherberge. Seit der Gründung im 16. Jahrhundert sammle man besondere Bestände, alte Drucke, Handschriften, auch rund 18.000 Blatt Grafiken besitze das „kulturelle Gedächtnis der Stadt“. „Wir sind eine Archiv- und Forschungsbibliothek“, so Laube, Materialien sollen hineinkommen, aber nicht mehr hinausgehen. „Wir horten und erschließen“, wie im Fall des Pflichtexemplarrechts, gemäß dem jede Publikation in bayerisch Schwaben hier greifbar sei. Mittlerweile seien 30.000 Bände digitalisiert, 120.000 werden folgen.

Es folgte die Frage Rolf Griebels, ob das jeweilige Angebot der Bibliothek durch den Aufwandsträger gesichert sei oder ob es Drittmittel brauche. Manfred Lutzenberger berichtete von einem 370.000-Euro-Anschaffungsetat, derzeit müsse man jedoch eine dreiprozentige Kürzung verkraften. Hilfreich sei, dass 70 Freiwillige stundenweise in der Zentrale der Stadtbücherei arbeiten, was zum Konzept gehöre. Namhafte Unterstützung erhalte man vom Freundeskreis der Bücherei, von der Stadtsparkasse und von einer Privatstiftung. Reinhard Laube verwies auf Unterstützung durch die Initiative Freunde der Staats-und Stadtbibliothek vor allem für Veranstaltungen. „Wir müssen Drittmittel für Projekte einwerben.“ Ulrich Hohoff sprach von einem Etat in Höhe von 2,2 Millionen Euro, man bräuchte aber über fünf Millionen für alle Aufgaben. „Wir müssen Prioritäten setzen.“ Auch die Universitätsbibliothek bekomme Stiftungsunterstützung und erfreue sich der Hilfe der Gesellschaft der Freunde der Universität. Immer wieder müsse man sich für bestimmte Themen Gelder von wohlgesonnenen Spendern einwerben. Laut Angelika Hofmockel-Orth leide ihr Haus unter akutem Etat- und Personalmangel. „Wir bekommen derzeit nur ein Drittel dessen, was wir ausgeben, aus dem Etat.“ Der Rest stamme aus Studienbeiträgen und Ähnlichem.

Anschließend ging es um die Rolle der Bibliotheken in der Stadtgesellschaft als Problemlöser. Manfred Lutzenberger verwies erneut auf die aus seiner Sicht wichtigste Aufgabe der Stadtbücherei, die Kinder und Jugendlichen zu bedienen und sprachliche Förderung zu unterstützen. Ulrich Hohoff zeigte das Angebot der Uni-Bibliothek vor allem an Gymnasiasten auf, deren 7000 man 2015 im Haus hatte - mit Hinblick auf künftige Studenten. Angelika Hofmockel-Orth stellte dar, dass bei gerade einmal 8,4 Stellen der Hochschul-Bibliothek immerhin zwei Mitarbeiterinnen Schulungen und Beratung machten. Adressaten seien vor allem Schüler von BOS, FOS oder Technikerschule. Gemäß der Devise „Zukunft von Herkunft sichern“ wolle die Staats-und Stadtbibliothek, so Reinhard Laube, Identität vermitteln und sie wolle Komplexität im Denken steigern.

Kurt Idrizoivic von Freundeskreis der Stadtbücherei verwies anschließend auf die enorm wichtige Rolle der Stadtteilbüchereien: Nicht alles solle, nicht jeder könne in die Innenstadt gezogen werden. Es sei angezeigt, die Strukturen vor Ort zu schützen, die vor allem auch für junge Menschen wichtig seien. Der Freundeskreis wolle erreichen, die Öffnungszeiten in den Stadtteilbüchereien schrittweise zu verdoppeln.

In der anschließenden Diskussion im voll besetzen Georgenkeller des Presseclubs wurden verschiedene Themen diskutiert. So ging es um die Frage von Wirtschaftlichkeit und Rentabilität von Bibliotheken, es ging um die Frage, ob die unterschiedlichen Profile der einzelnen Bibliotheken ausreichend klar sind oder darum, ob man sich den Bürgern gemeinsam in einem Druckwerk präsentieren solle.

Michael Siegel

 

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