Podiumsgespräch mit AUDI-Chef Rupert Stadler zu Mobilitäts-, Umwelt- und anderen Zukunftsfragen

Wir geben den Menschen eine 25. Stunde

12. 10. 2016

In den 80er Jahren hatte er in Augsburg Betriebswirtschaft studiert, der junge Rupert Stadler, aus dem Altmühltal stammender Sohn einer Bauernfamilie. Jetzt, 53 Jahre alt, kehrte er in die Fuggerstadt zurück, um als erfolgreicher Vorstandsvorsitzender der Audi AG über aktuelle und künftige Herausforderungen an einen Autobauer zu sprechen. Auch über „Dieselgate“, jene Affäre um „Schummelsoftware“, die aus Dieselmotoren auf Prüfständen kurzfristig großartige Saubermänner macht und sie danach wieder als „Stickstoffschleudern“ auf die Allgemeinheit loslässt? Stadlers Gesprächspartner im Servicezentrum der Handwerkskammer war Josef Karg, Journalist der Augsburger Allgemeinen.

Es kam, wie es mancher Journalist im Augsburger Presseclub vermutet hatte: Rupert Stadler sagte einiges, aber eben nicht alles. Wie denn der Umgang mit der Diesel-Affäre in seinem Haus, dem zum VW-Konzern gehörenden Audi-Unternehmen sei, wollte Josef Karg wissen. Die Dieselthematik sei hoch komplex, es sei eine ziemliche Herausforderung, sie zu managen. Man sei mit den Behörden in sachlichen, konstruktiven Diskussionen, aber die Software für einen Motor sei eben sehr kompliziert. „Wir haben im Unternehmen Aufarbeitungsbedarf“, so Stadler, den man einer externen Anwaltskanzlei übertragen habe, wegen der größtmöglichen Neutralität. In dieser Angelegenheit herrsche Vertraulichkeit, er werde deswegen keine weiteren Stellungnahmen abgeben. Und was daran stimme, dass Ingolstadt quasi der Ausgangspunkt von „Dieselgate“ gewesen sei? Alles solle ganz sauber abgearbeitet werden, so Stadler, „ein immenses Datenvolumen wird forensisch aufgearbeitet, da helfen Mutmaßungen jetzt nicht weiter.“

Finanzielle Rückstellungen auf VW-Ebene werden Auswirkungen auf alle Bereiche im Konzern haben, „der Gürtel wird noch einmal enger geschnallt werden müssen“, so Stadler. Bei Teilen der „Audianer“, seiner Mannschaft, sei Verunsicherung zu erkennen, „da können Ängste entstehen“. Die Bekundung des Audi-Vorstands laute: Euer Job ist sicher, es gibt für Euch eine Perspektive, Menschen zu entlassen ist kein Management. „Wir müssen mehr Geschwindigkeit im Unternehmen erzeugen, „Speed up Programm“ nennt Stadler das. Und: In zwei, drei Jahren werde die Firma besser dastehen, als vorher. Als seine Aufgabe sehe er es, im Unternehmen Energie zu entfachen, das Leuchten in den Augen der Mannschaft zu erzeugen. „Wir müssen Perspektiven haben, wir müssen um das, was wir teurer sind, auch besser sein.“

Ob sich angesichts der aktuellen Ereignisse die Produktstrategie von Audi verändert habe? Prinzipiell nicht erklärte Stadler, „aber auf uns kommt eine gewaltige Aufgabe zu“. Die gesetzgeberische CO2-Verpflichtung (ab 2020), dass die gesamte Flotte eines Autoherstellers im Schnitt nicht mehr als 95 Gramm Kohlendioxid (pro Kilometer) ausstoßen darf, entspreche einem Verbrauch von vier Litern Treibstoff auf 100 Kilometer.

Dazu nannte Stadler die Themen Urbanisierung und Digitalisierung der Gesellschaft. Diese Dinge treiben einen Prozess im Unternehmen mit derzeit weltweit rund 88.000 Mitarbeitern voran. Sie alle müssten mitgenommen werden, das dauert. „Es wird positiv spannend für uns, für mich“, so Stadler.

Ob denn Hersteller wie Audi angesichts des Vorsprungs anderer Firmen beim Thema Elektromobilität geschlafen hätten, wollte der Moderator sodann wissen. „Der Stadler war nicht zögerlich, der hat fünf Minuten nachgedacht und hat 100 Kilometer Reichweite nicht sexy gefunden“, sagte Rupert Stadler über sich selbst und: „Ich sehe mich bestätigt.“ Der Plug-in-Hybrid werde die Brückentechnik sein in das nächste Jahrzehnt, so die Prophezeiung des Managers: 50 Kilometer Elektroreichweite plus ein Verbrennungsmotor an Bord, für alle Fälle. Dann, so Stadler, werde es in der Batterieelektronik den nächsten Quantensprung geben, hin zur reinen Elektromobilität. Audi bringe 2018 das erste reine Elektroauto: einen sogenannten SUV (Geländewagen) mit 500 Kilometer Reichweite.

Manchmal könne es angebracht sein, „ein bisserl zu warten und dann schnell zu sein“, so Stadler zu seiner Strategie. Audi werde bis 2025 zwischen 25 und 30 Prozent des Verkaufsvolumens elektrifiziert haben.

Kann ich heute noch einen Diesel kaufen, fragte Josef Karg daraufhin. „Diesel werden viele Kunden noch in vielen Jahren fahren, möglicherweise mit einer Teilhybridisierung, so Stadlers Vermutung. Den Diesel dürfe man jetzt nicht totreden, der Motor habe einen super Verbrauch, eine super Reichweite, er erfülle als EU-6-Aggregat alle Vorschriften.

Und dann die Frage des Abends zur Zukunft der Autoindustrie: Passt das Auto noch in die Welt von Morgen? Ja, so Stadlers Bekenntnis, Auto findet auch künftig statt, aber wohl anders: Es werde einem „brutalen technologischen Wandel“ unterliegen. Erstens wegen der Urbanisierung, wobei nicht auf Städte wie Augsburg oder Ingolstadt zu schauen sei, sondern auf den zur Verfügung stehenden Platz in Metropolen wie Sao Paulo, Mexiko City oder Schanghai. Zweitens wegen der Nachhaltigkeit: Die Leute wollten saubere Luft, erneuerbare Energien. Und dann wegen der Digitalisierung: Sie erfasse alle Lebensbereiche bis hinein ins Automobil. Selbstlernende Systeme, künstliche Intelligenz werden uns mehr und mehr begleiten, so Stadler. Es werde unterschiedliche Geschäfte geben. Der Massenmarkt werde später profitieren, Premiumhersteller wie Audi werden vorangehen müssen. Das Auto werde zum größten digitalen Device, also Erlebnisraum. Der Mensch sitze früh und abends eine Stunde im Auto. Die Autoindustrie könne den Menschen etwas zurückgeben: die 25. Stunde. Er werde andere Erlebnisse im Auto haben können, Hörgenuss, Fernsehen, wenn man einst pilotiert fahren werde.

Und Google, jenes Internet-Unternehmen, das sich auch an Autos versucht? „Google macht mir keine Angst, aber ich habe Respekt“, so Stadler. Google operiere mit anderen Logiken, habe andere Geschäftsmodelle. Audi kooperiere mit Unternehmen wie Google, Apple, Baydoo, gemäß der Devise „du kannst nicht alles selber machen, du musst auch intelligent und auf Augenhöhe kooperieren.“

Weniger positiv Stadlers Kommentar zum US-amerikanischen Elektroautobauer Tesla (der bis heute mit seinen Autos kein Geld verdiene): „Ich finde Verluste zu machen, nicht richtig lustig, wir werden sehen, was passiert, wenn Wettbewerber mit vergleichbaren Fahrzeugen auf dem Markt kommen. Wir werden mit vorne dabei sein“, so der Audi-Chef.
Über den Inhalt der anschließenden Fragerunde wurde Vertraulichkeit vereinbart.

Michael Siegel

 

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