Gespräch mit Dr. Kai Gniffke, erster Chefredakeur von ARD-aktuell

Halte deine Marke klar

17. 10. 2016

Sollten ARD und ZDF zusammengelegt werden? Berichtet die ARD ausgewogen über die Flüchtlingspolitik? Wie geht man als Journalist am besten mit Hasskommentaren um? Wer könnte das besser erklären, als Dr. Kai Gniffke, Chefredakteur von ARD-aktuell. Er war auf Einladung des Presseclubs zu Gast im AZ-Medienfoyer, wo er ein Gespräch mit Redakteur Daniel Wirsching (Augsburger Allgemeine) führte.

Ein erster großer Komplex galt dem Thema Lügenpresse und Hasskommentare. Wie Moderator Wirsching darstellte, war und ist Gniffke selbst auch verschiedentlich Ziel von (verbalen) Angriffen unterschiedlicher Couleur. Sein Umgang damit? Für sich selbst sagte Gniffke: „Man darf nicht alles an sich heranlassen.“ Verglichen mit dem, was Auslandskorrespondenten alltäglich an Bedrohungen erfahren (etwa in Moskau), gehe es uns hier gut. Und: Nicht alles, was Kritik ist, ist Schmähung. In seinem Redaktionsteam von ARD-aktuell gebe es quasi einen Stufenplan beim Umgang mit Drohungen gegenüber Journalisten: Komme Bedrohliches, werde dagegen auch juristisch vorgegangen. Bei „Unrat und abfälligen Äußerungen“ gelte: „Das geht vorüber“. Werde man mit harter, auch ungerechter Kritik konfrontiert, stelle sich die Frage: Hat es einen Sinn, in den Dialog mit dem Absender zu gehen? Nicht zuletzt gebe es die Fälle, wo man sagen müsse: „Stopp, kann da was dran sein? Die Leute müssen nicht immer unrecht haben.“

Nicht so weit entfernt die Problematik „Die Tagesschau/ARD-aktuell ist für Flüchtlinge, die Tagesschau ist für das Freihandelsabkommen TTP, die Tagesschau ist gegen Russland...“ Wie es zu solchen verbreiteten Wahrnehmungen kommen könne? Gniffke stellte klar, dass sich sein Nachrichtenteam zuvorderst an Fakten orientiere, dass man nicht für oder gegen etwas sei. Aber man müsse den Zuschauern immer wieder erklären, „warum wir etwas so oder anders sehen.“ Im Falle von ARD-aktuell lasse sich relativ klar festmachen, wann sich der Ton im Umgang mit dem Redaktionsteam erheblich verschärft habe. Das war, so Gniffke, zu Beginn des Jahres 2014 mit der Eskalation des Ukraine-Konflikts. Der Ton wurde insgesamt ruppiger, nicht nur, aber vor allem im Netz. Die Dialogfähigkeit komme mehr und mehr abhanden, sehr schnell käme Emotion ins Spiel. Gniffkes Gegenrezept: „Wir müssen zu einer gewissen Gelassenheit kommen, müssen den Dialog suchen.“

Wo diese Gelassenheit nach Meinung des Chefs von ARD-aktuell gefehlt habe: Bei Tagesschau-Sprecherin Eva Hermann (und ihren Äußerungen zur Rolle der Frau und dem Nationalsozialismus) seien alle sehr unsouverän gewesen. Der Umgang mit ihr tue ihm bis heute Leid, so Gniffke, denn Eva Hermann sei nie rechtsextrem gewesen, sie habe 18 Jahre der Tagesschau ein Gesicht gegeben. Er sehe es aber nicht so, dass diese Angelegenheit der „Marke Tagesschau“ geschadet habe.

Ein anderes Thema der Diskussion: der Umgang mit den Vorkommnissen in der vergangenen Silvesternacht, vor allem in Köln mit hundertfachen Übergriffen junger Männer auf Frauen. „Wir haben vorher keine Willkommenskultur gefeiert, deswegen brauchten wir auch danach nichts zurechtrücken“, so Gniffke. Man habe 2015 über Solidaritäts-Kundgebungen für Flüchtlinge berichtet und ARD-aktuell habe zu der Silvesternacht gesagt, dass die Vorkommnisse ekelig und unrecht waren. Und dass die Nachricht in der Tagesschau erst am 4. Januar, mindestens einen Tag zu spät kam? Die Vielzahl der Delikte wurde, so Gniffke, erst Tage später bekannt. Selbst die Social-Media-Redakteurinnen seines Hauses hätten die Vorfälle nach den ersten Schilderungen in sozialen Netzwerken anfangs nicht als ein Thema für die 20-Uhr-Tagesschau erachtet. Kritik sogar vom Medienrat hat ARD-aktuell geerntet dafür, dass die Herkunft vieler Täter aus Nordafrika genannt worden ist. Dieser sogenannte „Begründbare Sachbezug“, ob die Täterherkunft etwas mit dem Delikt zu tun hat, müsse täglich wieder geprüft werden. Im Fall der Kölner Ereignisse habe für die Entscheidung zur Nennung auch die Glaubwürdigkeit der Nachrichten gegenüber dem Zuschauer eine Rolle gespielt.

Dann der „Fall Lisa“ um ein 13-jähriges russlanddeutsches Mädchen, das angeblich von Migranten entführt und stundenlang missbraucht worden sein soll (was das Mädchen laut Ermittlungen erfunden hatte). Zunächst, so Gniffke, habe es keine Hinweise gegeben, dass irgendetwas an der Geschichte dran ist. Aber dann seien Tausende von Russlanddeutschen auf die Straße gegangen und auch die russische Politik habe sich eingeschaltet. Gniffkes Aufgabe des Journalismus in solchen sehr emotionellen Angelegenheiten: Mit Fakten gegen Emotionen angehen, „wir müssen unsere Arbeit tun.“ Der (sachliche) Dialog komme immer wieder zum Erliegen, die Menschen hätten starke Emotionen. Verschwörungstheorien wollen die Welt für die Menschen erklärbar machen. „Das ist eigentlich unsere Aufgabe: Globalisierung, Digitalisierung den Menschen erklären, das dürfen wir nicht den Verschwörungstheoretikern überlassen.“ Im Vergleich zu früher mache die Tagesschau heute weniger Themen, die aber ausführlicher, eben um Dinge zu erklären.

Positiv für Gniffke und sein Nachrichtenteam: „Wir haben steigende Akzeptanz, in knapp zehn Millionen Haushalten täglich, in rund 35 Prozent aller eingeschalteten Fernseher, läuft die Tagesschau.“ Dabei habe er selbst von seiner Prophezeiung, dass lineares Fernsehen stirbt, abrücken müssen. Vermutlich, weil die Marke Tagesschau auch auf digitalen Medien so stark sei, bringe sie die Nutzer vermehrt vor den Fernseher.

Vom ZDF lerne man bei ARD-aktuell ganz viel. Denn während die Tagesschau vor 20 Jahren bei acht Millionen und ZDF heute bei sieben Millionen Zuschauern lagen, sei die Sache inzwischen ganz anders. Heute liege die Tagesschau bei zehn Millionen, ZDF heute bei rund 3,5 Millionen. Die Lehre: „Halte deine Marke klar.“ Im Falle der Tagesschau sei das eben ein eher freudloser, an Relevanz orientierter Journalismus. Das ZDF dagegen habe journalistisch etwas zwischen RTL aktuell (was vor der heute-Sendung läuft) und der Tagesschau versucht (die danach kommt). Da habe es das ZDF „superschwer“, so Gniffke. Aber: „Das ZDF ist für uns die Benchmark, an denen messen wir uns.“

Bezüglich der anstehenden Verhandlungen um die künftige Höhe des Rundfunkbeitrages meinte Gniffke: „Wir nehmen es, wie es kommt“. Sollte der Beitrag auf dem derzeitigen Stand belassen werden, müsse man wohl an die Rücklagen gehen. Auch bei ARD-aktuell müsse gespart werden, das solle laut Gniffke aber eher durch billigere Produktion passieren anstatt dadurch, Programme zuzumachen. Obwohl es bereits Kooperationen von ARD und ZDF gebe, erwarteten die Zuschauer bei den Hauptnachrichten unterschiedliche Angebote. Eine Absage Gniffkes also an die Idee des bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer, die beiden großen öffentlich rechtlichen Anstalten zusammenzulegen.

Michael Siegel

 

Dr. Kai Gniffke

Kai Gniffke ist seit 2006 erster Chefredakteur von ARD-aktuell in Hamburg, also für die Redaktion von Tagesschau, Tagesthemen und Nachtmagazin. Der 1960 in Frankfurt am Main geborene Journalist ist studierter Politikwissenschaftler. Nach der Ausbildung ging er zunächst als Reporter zum SWR, wo er ab 1998 für die Zulieferungen an die Hauptnachrichten verantwortlich war.

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