„Textile Architektur“ im tim

Zwischen Jurte und Allianz-Arena

23. 05. 2013

Ob das in Jahrtausenden bewährte Nomadenzelt oder die noch fast neue Münchner Allianz-Arena: Welche Gestaltungs- und Einsatzmöglichkeiten es für Textilien in der Architektur gibt, zeigt die Sonderausstellung „Textile Architektur“ im Augsburger Textilmuseum tim. Mitglieder des Augsburger Presseclubs besuchten die Schau, informiert von Museumsleiter Karl Borromäus Murr.

Statisch und flexibel

„Textile Architektur boomt“, so der Museumsleiter mit Blick auf aktuelle Projekte. Was zunächst wie ein Widerspruch erscheint - architektonische Statik und textile Flexibilität - entpuppe sich als faszinierendes Feld architektonischer Innovationen. Denn in vielen modernen Bauwerken und Kunstprojekten feiere die Architektur mit verschiedenerlei Textilien eine Liaison, die Statik und Flexibilität, Dauer und Flüchtigkeit miteinander verbinde. Neue Entwicklungen machten die Architektur von morgen noch textiler. Ehemals starre Wände weichen dann stofflichen Wandelementen, die sich zu neuen Räumen komponieren lassen, erklärte Murr anhand von Beispielen. Solche Architektur-Utopien, die auf eine hohe Flexibilität setzen, entsprächen dem flexiblen Menschen der Moderne.

Aktuelle Beispiele

Im Mittelpunkt der Schau stehen nach Worten Murrs Architekturprojekte der jüngeren Zeitgeschichte und der Gegenwart. Internationale Star-Architekten wie Rem Koolhaas oder Herzog & de Meuron arbeiteten heute vielfach mit textilen oder auch pneumatischen Konstruktionen. Murr nannte beispielhaft Sportstätten wie die Münchner Allianz-Arena mit ihren luftgefüllten Fassadenkissen oder den Watercube der olympischen Spiele in Peking. Der Inhalt von „Textile Architektur“ ist auch formal Programm. So ist sämtliche Ausstellungsarchitektur im Augsburger Museum aus textilen Materialien beschaffen. Eine Besonderheit der Ausstellungsarchitektur ist am Ende des Rundgangs eine begehbare Luftblase. Zudem können Besucher an verschiedenen Mitmach-Stationen die besonderen akustischen, fühlbaren und flexiblen Eigenschaften des Baustoffs Textil erleben.

Eine Idee übersetzt

Grundlage für die Ausstellung bildet die Arbeit von Sylvie Krüger, die 2009 ein Standardwerk zur textilen Architektur vorgelegt hat. Sie kam nach Murrs Worten auf das tim zu, um dieses Thema in eine große Ausstellung zu übersetzen. Sie habe nicht nur die Kuration zusammen mit dem tim bestritten, sondern auch die Ausstellungsarchitektur mit entworfen. Fünf Leitbegriffe, gleich bedeutend mit fünf Abteilungen, führen durch die rund 1000 Quadratmeter große Ausstellung im Obergeschoss des Museums: Dach, Zelt, Schirm, Vorhang und Luftblase.

Textile Dächer sind weit verbreitet und das seit langer Zeit. Beispiele, die die Schau zeigt, sind Baldachine oder Sonnensegel, die bereits in der Antike Verwendung fanden. In der Ausstellung zu sehen ist ein Modell der Schatten spendenden Textilbedachung des römischen Colosseums. Vergleichbares hat sich bis heute an modernen Sportstadien erhalten.

Schirmherrschaften

Wie Dächer, so spielten auch Vorhänge bereits seit der Antike eine Rolle in der Architektur. Und sie dienten herrschaftlichen und kultischen Inszenierungen. Aktuelle Projekte, die die Augsburger Schau vorstellt, sind jene des Konzertsaals der Casa de Musica in Porto, einer neuen Schule in Zürich oder des Hauses Adnet in Österreich. Eine dritte Abteilung der Sonderausstellung ist dem Thema Schirm gewidmet. Schirme halfen seit Jahrhunderten gegen Sonne und Regen, dienen aber auch als Kennzeichen hoheitlicher Würde. Während der tragbare Schirm die wohl beweglichste textile Architekturform darstellt, kennt man heute auch ortsfeste textile Großschirme aus High-Tech-Materialien, die große Flächen überspannen. Ein Beispiel sind die Schirme in der Moschee in Medina.

Besuch in der Jurte

Nicht fehlen darf in der Ausstellung zum Thema Textile Architektur ein Zelt. Die Besucher können eine nachgebaute Jurte betreten, wie sie asiatische Nomaden seit Jahrtausenden verwenden. Die Ausstellung präsentiert daneben das Indianerzelt Tipi oder das arabische Schwarzzelt. Ein prominenter Vertreter der architektonischen Gattung Zelt ist die Konstruktion des Münchner Olympiastadions, die auf Vorarbeiten des Architekten Frei Otto zurückgeht. Wenngleich das Endergebnis eine Kunststoffkonstruktion sei, sei der Ausgangspunkt doch eine textile Architektur, so Museumsleiter Murr.

In der Luftblase

Einen besonderen Erlebniswert verschafft der Ausstellung eine begehbare Luftblase. Durch eine Schleuse betritt man eine Kuppel, die von einem Ventilator permanent aufgeblasen gehalten wird. Derartige Gebäude in der Praxis kennt man als (flexible und temporäre) Sport- oder als Messehallen. Eine besondere Form dieser Architektur bildet die Münchner Allianz-Arena. Die für die Arena charakteristische Fassade besteht aus 2760 Folienkissen aus Ethylen-Tetrafluorethylen, von denen über 1000 Kissen im Bereich der Außenfassade verschiedenfarbig beleuchtet werden können. Ein eigener Bereich der Ausstellung widmet sich dem großen Spektrum textiler Materialien vom Altertum bis heute. Dabei lässt sich Carbonmaterial ebenso begreifen, wie sich sogenannter Lichtbeton studieren lässt: Beton, der aufgrund eingeschlossener Textilfasern lichtdurchlässig ist. Für Kinder gibt es eigene Begleitmaterialien, damit auch sie die Sonderschau erleben und verstehen können.

Michael Siegel

 

INFO

tim - Staatliches Textil- und Industriemuseum Augsburg

Augsburger Kammgarnspinnerei (AKS)
Provinostraße 46
86153 Augsburg

Textile Architektur –
Sonderausstellung im tim bis 6. Oktober 2013

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag, 9 Uhr bis 18 Uhr, Montag geschlossen

Buchungs-Hotline: 0821 / 81001-50

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