Das Augsburger Gaswerk

Ende des Dornröschenschlafes

19. 06. 2007

Wo heute bei Gewerbebauten kühle Zweckmäßigkeit regiert ragt der Standort heraus. Eine „Oase der Schönheit“ titelte dieser Tage die Augsburger Allgemeine über das Gaswerk im Augsburger Stadtteil Oberhausen. Was um so bemerkenswerter ist, da es sich doch damals „nur“ um eine Produktionsstätte für Stadtgas gehandelt hat. Ein Ensemble, 1915 aus mehreren riesigen Stahlbetongebäuden im Stil von Neorenaissance bis Jugendstil errichtet. Heute steht es in verwilderter Parklandschaft, ungenutzt.
Der Augsburger Presseclub besichtigte im Juni das von Denkmalpflegern als „einmalig“ geschätzte Baujuwel. Auf Einladung des Eigentümers, den Augsburger Stadtwerken, und geführt von Prof. Karl Ganser. Der renommierte Städteplaner steht an der Spitze einer Ende September beginnenden zweijährigen Kampagne, in der die Weichen für eine künftig wirtschaftliche wie kulturelle Nutzung gestellt werden sollen.

Gewerbe-Standort als Oase der Schönheit

Gaswerk – Prof. Karl Ganser nimmt die Zukunft der historischen Anlage in die Hand

Von Angela Bachmair und Lilo Solcher

Seit sechs Jahren ruht der Betrieb im Augsburger Gaswerk, suchen die Stadtwerke nach Möglichkeiten einer neuen Nutzung. Bis jetzt fand sich noch nichts - trotz mehrerer Anläufe. Aber nun hat sich Prof. Karl Ganser, Städteplaner und ehemals Leiter der Internationalen Ausstellung Emscher Park (IBA) der Sache angenommen.

Bis Ende 2008 will er nach Nutzern für das 1915 errichtete Ensemble mit seinen Gebäuden im Stil von Neorenaissance bis Jugendstil suchen. Mit den Stadtwerken schloss er einen zweijährigen Beratervertrag ab - ehrenamtlich, nur für eine geringe Aufwandsentschädigung. Bei den Stadtwerken ist man „ausgesprochen glücklich“, so Direktor Claus Gebnard und Pressesprecher UIi Müllegger, „dass wir eine solche Kapazität gewinnen konnten.“

Sogar im Hinterhof des Ruhrgebiets erfolgreich

Ganser hat schließlich höchst erfolgreich mit der IBA den Hinterhof des Ruhrgebiets umgekrempelt, ihm mit Wissenschaft, guter Architektur und Kultur ein weithin strahlendes Image verpasst. Für das Augsburger Gaswerk hat er jede Menge Ideen - und einen ganz anderen Verwertungsansatz als bisher die Stadtwerke. „Eine grüne Oase der Schönheit in einer gewerblichen Wüste“ soll das Ensemble bleiben, wo Investoren, die den Wert gebauter Kultur schätzen, sich nach eigenem Gusto einrichten können.

„Wir brauchen nicht noch ein Kulturdenkmal, das zum Museum wird“, sagte der Städteplaner bei einem Rundgang mit dem Augsburger Presseclub. Ein Gewerbestandort soll das Gaswerk werden, aber nicht so, dass ein oder zwei Investoren das ganze Ensemble kaufen und umbauen, sondern kleinteilig und vielfältig. Entscheidend ist für Ganser: „Die hochwertige Architektur bleibt unberührt." Er wolle gezielt nach Investoren suchen, die einen Sinn für Baukultur haben. Wer seinen Betrieb ins Gaswerk verlegen wolle, könne dies zu sehr geringen Mieten tun, müsse dafür aber auch alles, was er braucht, selber einbauen. Wie Leichtbau-Container könnten Büros oder Werkstätten in die großen Hallen eingestellt werden. Ins ehemalige Ofenhaus könnte eine Kreativgalerie, ins Kühlhaus ein außergewöhnliches Restaurant, ins Apparatenaus ein Kunsthandwerker-Zentrum einziehen.

Die Stadtwerke sind laut Uli Müllegger dankbar, dass ihnen der visionäre Städteplaner zu einem Umdenken verholfen habe- „Wir suchen nicht mehr nach der großen Lösung, sondern wollen das Ganze jetzt von unten und Schritt für Schritt entwickeln“ – Der erste Schritt ist für Karl Ganser, „das Gaswerk in die Köpfe der Menschen zu bringen“. Um dieses bedeutende zeitgeschichtliche Denkmal zu erhalten, müsse zunächst auf dem Gelände etwas geschehen, was Aufmerksamkeit erregt.

Theater soll sein Kulissenlager räumen

Die Häuser - derzeit Kulissenlager des Stadttheaters - sollen leergeräumt, mit Infotafeln versehen und durch Führungen erschlossen werden. Ende September feiern die Stadtwerke „Erntedank“ im Gaswerk - mit offenen Türen. Auch Prof. Ganser wird da sein und seinen Vortrag halten. Das Gaswerk wird beleuchtet sein und voller Kunstinstallationen, „damit das Alte einen neuen Blickfang bietet“. „Ich hoffe, dass sich meine Strategie Ende 2008 als erfolgreich erweist“, sagt der Professor und fügt listig hinzu: „Das Gaswerk soll so populär werden, dass man es nicht mehr abreißen kann - eine Last, die man liebt.“

 

Die richtige Strategie

Es ist ein Glücksfall für Augsburg, dass Karl Ganser in der Nähe wohnt und Lust hat, sich als Ruheständler einzumischen in die Entwicklung der Stadt. So kommt Augsburg in den Genuss eines immensen Fachwissens, großer Erfahrung und einer visionären Tatkraft. Das Gaswerk, ein hochrangiges Denkmal, verdient es zweifellos, dass sich einer, der sein Handwerk
versteht und über Kontakte verfügt, darum kümmert.

Dabei spricht es für die Stadtwerke, dass sie bereit sind, sich dieser Kompetenz zu bedienen, sich damit zu verabschieden von unergiebigen Versuchen, das Gaswerk an den Mann zu bringen. Dass nicht ein Investor allein die riesige Anlage nutzen kann und will, hat sich in den vergangenen Jahren erwiesen. Da scheint nun Karl Gansers Strategie richtiger und erfolgversprechender: Er will Hallen und Häuser nach einer Methode zur neuen Nutzung weitergeben, die man als „kontrollierte Improvisation" bezeichnen könnte: Umnutzung je nach Bedürfnissen der Investoren, auf Zeit, mit sparsamen Mitteln und ohne strikte Festlegungen.

Ob Gansers Strategie aufgeht, wird daran hängen, ob sich Investoren finden, die genau hier einziehen wollen - in das außergewöhnlichen Ambiente des Gaswerks.

Aus Schwaben in den Ruhrpott

Karl Ganser ist gebürtiger Schwabe, wirkte lang im Ruhrgebiet und engagiert sich jetzt unter anderem in Augsburg.

Karl Ganser wurde 1937 m Mindelheim geboren und studierte Chemie, Biologie und Geografie in München. Nach der Promotion 1964 arbeitete er an der heutigen Technischen Universität der Landeshauptstadt und danach an deren Stadtentwicklungsreferat. Er leitete die Bundesforschungsanstalt für Landes- und Raumkunde, war Abteilungsleiter für Städtebau im nordrhein-westfälischen Ministerium für Landes- und Stadtentwicklung und wurde 1989 Geschäftsführer der Internationalen Bauausstellung Emscher Park im Ruhrgebiet.
Da erwarb er sich ideenreich, agil und überzeugend in zehn Jahren der Umgestaltung den Ruf, der „Architekt des neuen Ruhrgebiets" zu sein. Auch im Ruhestand seit 1999 ist der temperamentvolle Schwabe für gutes Bauen und Kultur engagiert: Ganser setzte sich ein für eine deutsche Stiftung Baukultur, er wirkte mit bei der Bewerbung Augsburgs um den Titel einer europäischen Kulturhauptstadt, er ist Kuratoriumsmitglied für das Augsburger Pax-Programm und vermittelt in Dresden im Streit um die Waldschlösschenbrücke. Mit seiner Frau lebt Karl Ganser in Breitenthai bei Krumbach auf einem ehemaligen Bauerhof. (aba)